Gutes Wort für den 26. März

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Veröffentlicht am Do., 26. Mär. 2020 06:30 Uhr
Gutes Wort

Matthäus-Passion

Von: Pastor Tilmann Präckel

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In diesen Tagen und Wochen hätten sie stattgefunden: Die vielen Passionskonzerte in unseren Kirchen, die vielen Aufführungen der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach. Sie sind alle abgesagt, wir müssen uns in diesem Jahr mit Tonträgern oder mit Radio- und Fernsehmitschnitten der vergangenen Jahre begnügen.

Auch das ist Corona: Viele Musikerinnen und Musiker geraten in Not, weil für sie die Wochen vor und um Ostern eine Haupt-Geschäftszeit ist und ihre Einnahmen jetzt komplett wegbrechen. Am Sonntagabend um 18:00 Uhr haben manche aus Solidarität am offenen Fenster musiziert, auch hier in Nienstedten. Das war schön!

Ich werde mich in diesem Jahr also hinsetzen und die Matthäuspassion zu Hause hören. Weil sie für mich dazugehört zur Passionszeit. Weil sie mich einstimmt auf die Zeit, bevor es Ostern wird. Weil mich die Musik tief berührt und erschreckt.

Ich weiß wohl: Für viele Zeitgenossen ist das in diesem Werk Erzählte und Gesungene anstößig. Bach vertonte bekanntlich drei verschiedene Textarten, die biblische Erzählung, Choralstrophen verschiedener Dichter und die Arien seines Haus- und Hofdichters Picander. Und manches davon ist nicht nur in seiner barocken Sprache befremdlich, sondern auch beispielsweise in der Vorstellung, Gott habe seinen Sohn geopfert.

Bachs Vertonung spricht für mich jedoch eine andere Sprache! Drei Spuren:

Diese Musik lehrt mich zum ersten das Klagen, so sinnfällig im großen Eingangschor. Die ganze Passion füllt das aus, eine Kultur des Klagens, vom leisen Schwingen bis zum lauten Aufschrei, etwas, was wir zum Teil verloren haben. Der Komponist Hans Werner Henze sagt: „Im Weinen und Greinen der Oboe d’amore erkennen wir unser eigenes Weinen und Greinen wieder … Diese Musik vergibt uns armen Teufeln, sie verspricht uns neue Lust, sie weint für uns mit allen Seelen. Wir setzen uns mit ihr, zu ihr, mit Tränen nieder.“ Soweit Henze.

Diese Musik nimmt mich zum zweiten mit auf einen Weg, so hörbar im zentralen Choral „O Haupt voll Blut und Wunden“ von Paul Gerhardt. Fünf Mal kommt er vor, fünf Strophen hat Bach vertont, jedes Mal ein bisschen anders. Ich bin dabei. Noch recht präsent am Anfang, „Erkenne mich, mein Hüter“, verunsichert nach der Verleugnung des Petrus, „Ich will hier bei dir stehen“, demütig nach der Verspottung durch die Soldaten, „O Haupt voll Blut und Wunden“, und dann ganz still nach Jesu Tod, „Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir.“ Ganz leise, aber ein starkes Stück: Jesus verschied, aber er scheidet nicht von mir.

Als Drittes höre ich die Liebe als Zentrum der ganzen Passion. Mitten in der dramatischsten Szene und damit besonders herausgehoben singt die Sopranistin, umspielt von Flöte und Oboe: „Aus Liebe will mein Heiland sterben.“ Dieses Motiv steht im Vordergrund, keine Beschuldigungen, keine Erklärversuche. Und so klingt die Passion in großer Ruhe aus, mit einem Wiegenlied. Man ist erschöpft nach dem Hören, berührt. Gott, der sich selbst preisgegeben hat, aus Liebe. Hans Blumenberg spricht von der „theologischen Großzügigkeit der Matthäuspassion“.

Vielleicht mögen auch Sie sich hinsetzen in diesen Tagen und Bachs „große Passion“ anhören – und sich ergreifen lassen, von Mitleid, von Ehrfurcht und von Liebe.

(Als kleine Anregung habe ich Ihnen drei Videos verlinkt.)

https://www.youtube.com/watch?v=-88ZpkYssf0

https://www.youtube.com/watch?v=yKMP0qPK6kU

https://www.youtube.com/watch?v=YwsMdXrgzbg

Bleiben Sie behütet

Ihr Pastor Tilmann Präckel

Bildnachweise: