Kunst in unserer Kirche

Luther und Melanchthon

Luther und Melanchthon

Unsere Gemeinde hat zwei Porträts von Lucas Cranach dem Jüngeren als Schenkung erhalten, die seit 2012 in der Kirche hängen.

Luther

Melanchthon

Zwei stattliche grauhaarige Herren fortgeschrittenen Alters sitzen einander als Halbfiguren gegenüber. Es sind zwei Gelehrte, wie die aufgeschlagenen Bücher deutlich machen, die sie dem Betrachter über eine Steinbrüstung hinweg demonstrativ entgegenhalten. So offensichtlich die Dargestellten in Körperhaltung und Kleidung auf einander bezogen sind, als Charaktere könnten sie unterschiedlicher kaum sein: Kräftig und untersetzt der eine, mit energischen, durch die Jahre gemilderten Zügen; der andere hingegen hager, ausgemergelt fast, mit einem vergeistigten Ausdruck in dem wachen, gleichzeitig aber in sich gekehrten Blick.

Der zeitgenössische Betrachter bedurfte keiner Namensbeischrift, um die Dargestellten zu identifizieren. Und auch wir erkennen heute noch, 4½ Jahrhunderte später, in dem linken der beiden Martin Luther. So fest hat sich seine Physiognomie ins kollektive Gedächtnis eingegraben und unser Bild des Reformators geprägt. Dass dies so ist, ist das Verdienst der Wittenberger Cranach-Werkstatt. 1562 sind unsere Porträts entstanden. Das Datum steht jeweils oberhalb der Schultern zusammen mit einer geflügelten Schlange, dem Signet der Cranach-Werkstatt.

Als der berühmte Lucas Cranach d. Ä. 1553 verstarb, übernahm sein Sohn, Lucas d. J., die Leitung. Bereits in jungen Jahren war er in den väterlichen Betrieb eingestiegen. Vom Vater hatte er nicht nur das Malerhandwerk erlernt, sondern vor allem auch das Management eines manufakturartig mit zahlreichen Mitarbeitern operierenden Unternehmens, welches die Aufträge von fürstlichen und hohen kirchlichen Bestellern, Adel und Bürgertum bediente. Vom Vater übernahm Lucas d. J. zudem auch einen reichen Fundus an Bildformeln, die er bis zu seinem eigenen Tod 1586 weiter verwendete. Eine solche, äußerst erfolgreiche, liegt auch unseren beiden Porträts zugrunde.

In der gesamten Kunstgeschichte gibt es wohl kein zweites Beispiel eines derart engen Verhältnisses zwischen einem Künstler und seinem Modell, wie es im Fall von Lucas Cranach d. Ä. und Martin Luther bestand. Den Maler und den Reformator verband zeitlebens eine enge Freundschaft. Seit 1505 stand Cranach im Dienst Friedrichs III., der Weise genannt. Der sächsische Kurfürst war auch der Landesherr Luthers, der 1512 Professor an der kurz zuvor gegründeten Wittenberger Universität wurde, und dessen mächtigster Beschützer. Für die Verbreitung von Luthers Lehre sollte das Bildnis des Reformators eine bis dato ungekannte Rolle spielen, und es ist nicht übertrieben, dieses als Instrument politischer Propaganda zu bezeichnen. Um eine rasche und kostengünstige Verbreitung zu erreichen, bediente Cranach sich einerseits des Mediums der Druckgraphik. Parallel dazu entstanden jedoch auch in Öl auf Holz gemalte Bildnisse. Cranach porträtierte Luther in den verschiedenen Phasen seines Lebens, in entscheidenden Situationen und markanten Rollen. So ist der Reformator uns durch seinen »Image-Beauftragten« bekannt als jugendlicher Augustinermönch, als Gelehrter mit Doktorhut, als politisch Verfolgter »Junker Jörg« während seiner inszenierten Gefangenschaft auf der Wartburg, als Ehemann gemeinsam mit der ehemaligen Nonne Katharina von Bora, die Luther 1525 – übrigens in Anwesenheit seines Trauzeugen Lucas Cranach – heiratete, als reifer Theologe, und sogar sein Anblick auf dem Totenbett ist uns überliefert (Niedersächsisches Landesmuseum Hannover).

Das Gelehrten-Doppelbildnis ist vielleicht als Weiterentwicklung des Ehegattenporträts zu verstehen. Luther nimmt die linke, heraldisch rechte und somit höherwertige Position ein. Als Pendant sitzt ihm nun Philipp Melanchthon gegenüber, einer seiner wichtigsten Gefährten. Seit 1518 ebenfalls Professor in Wittenberg, auf dem neu eingerichteten Lehrstuhl für Gräzistik, war er nicht nur ein weltlich gebildeter Humanist, sondern mit seinem theologischen Wissen zugleich scharfsinniger Verteidiger und Wegbereiter der lutherischen Lehre. Auch Melanchthon war übrigens mit Cranach direkt bekannt: Der jüngere Cranach heiratete seine Nichte.

Die frühesten erhaltenen Beispiele von Bildpaaren Luthers und Melanchthons stammen aus den 1530er Jahren. Sie wurden ein gefragtes Thema und hingen in Pfarrhäusern, öffentlichen Institutionen, Porträtgalerien. Als die beiden Nienstedtener Gemälde, ihrem kleinen Format nach sicher für ein privates Umfeld gedacht, entstanden, waren beide Reformatoren bereits verstorben, aber die Nachfrage nach ihren »Abconterfeiungen« hielt an. Zwar ist dieser Bildtypus noch heute in einer ganzen Reihe von Exemplaren erhalten, in den überwiegenden Fällen haben die Zeitläufe die Bildpaare jedoch auseinander gerissen. Als Glücksfall kann die Wiedervereinigung eines Melanchthons im Frankfurter Städel Museum mit seinem kürzlich im Kunsthandel aufgetauchten ursprünglichen Pendant genannt werden.

Dass die beiden Nienstedtener Bilder als Gegenstücke erhalten blieben, ist daher eine Besonderheit und alles andere als selbstverständlich, zumal wenn man sich ihr Schicksal in der jüngeren Vergangenheit vor Augen hält. Seit Generationen im Familienbesitz, hingen die Porträts zunächst auf einem Gut in Vorpommern. Als die Familie 1945 vor den Russen fliehen musste, wurden die Tafeln auf abenteuerliche Weise von einer Hausangestellten gerettet. In Hamburg waren sie dann ab Mitte der 1950er Jahre zu Hause – nur einige hundert Meter von unserer Kirche entfernt, wo sie jetzt ihren neuen Platz mitten im Geschehen der Gemeinde gefunden haben.

Dabei wollen die Porträtierten nicht einfach stumme Zeugen einer vergangenen Zeit sein, vielmehr scheinen sie durch ihre geöffneten Bücher direkt zu uns zu sprechen. Nicht umsonst ist das Schriftbild nämlich so gewendet, dass es vom Betrachter aus lesbar ist. Zwei Textstellen aus dem Römerbrief (links: Römer 3,22–25; rechts, auf Latein: Römer 10,10–12) sind es, die sie uns entgegenhalten – als nachdrückliche Erinnerung an das Fundament des evangelisch-lutherischen Glaubens.

Dr. Katharina Georgi (August 2012)